Leopoldine Kovarik

Postbeamtin. Widerstandskämpferin. Hingerichtet.

* 1919   † 1943

 

Lebenslauf

Leopoldine Kovarik wurde am 5. Februar 1919 in Wien geboren. Bereits in der Schulzeit engagierte sie sich bei den Sozialistischen Kinderfreunden. Danach war sie Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend. Später wechselte sie zum Kommunistischen Jugendverband Österreichs. Das austrofaschistische Regime nahm sie deswegen zwei Mal in Haft.

Leopoldine Kovarik wuchs in Favoriten auf. Sie arbeitete als Postbeamtin und war bei der Postsparkasse beschäftigt.

"Soldatenrat"

Sie schloß sich der Widerstandsgruppe “Der Soldatenrat” an, die von Alfred Rabofsky geleitet wurde. Diese Widerstandsgruppe schrieb und versendete Briefe an Wehrmachtsangehörige, und rief diese zur Desertion auf. Auch Anna Gräf und Elfriede Hartmann gehörten dem “Soldatenrat” an, und wurden wie auch Alfred Rabofsky hingerichtet.

Auszug aus einem "Soldatenbrief"

"Ich bitte dich, hilf mir Schluß zu machen mit dem Massenmorden. Nicht die Rote Armee ist der Feind, sondern der Feind steht im eigenen Lande: Die Machtgier der deutschen und übrigen Kapitalisten! Weigert euch u sterben für den Profit der Reichen. Verbrüdert euch mit allen Völkern der Welt, die der Kapitalismus mit Blut und Waffen niederhält. Diese ist der Weg zum Frieden!
Wir verfluchen diesen Krieg und damit die Herren, die an diesem Massenmorden Schuld tragen. Ihr seid doch Männer, ihr müsst doch wissen, wie diesem verfluchten Krieg, der uns nur Hunger und Elend bringt, den anderen Völkern aber Knechtschaft und Sklaverei bedeutet, der Garaus zu machen ist. Streckt die Waffen und kämpft nicht gegen ein Volk, das euch gar nichts zu leide getan hat. Macht es so wie unsere Väter 1918 und kehrt heim, solaren es noch nicht zu spät ist. Kämpft nicht gegen die freien Menschen Russlands, sondern kämpft gegen die eigenen Unterdrücker, gegen die eigene Bourgoisie."

(entnommen dem Urteil gegen Leopoldine Kovarik, Rudolf und Oskar Klekner)

Unterstützung von Leo Gabler

Weiters unterstützte Leopoldine Kovarik den führenden KP-Funktionär Leo Gabler (Taschnergehilfe, geb. am 11. 5. 1908, hingerichtet im Landesgericht Wien am 7. 6. 1944), der 1941 von Moskau über Jugoslawien nach Wien zurückkehrte, um den neuerlichen Aufbau einer KP-Leitung durchzuführen.

Verhaftung, Todesurteil und Hinrichtung

Sie wurde am 13. November 1941 in Berlin verhaftet, am 27.9.1943 vom Volksgerichtshof wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt und am 2. 11. 1943 im Landesgericht Wien hingerichtet.

Kassiber an die Familie, aus dem LG I Wien

"Heute ist Silvester! Das alte Jahr geht zur Neige und macht dem neuen Platz. Wie ich noch klein war, kann ich mich erinnern, dass man immer sagte, um 12 Uhr ist der Kampf zwischen altem und neuem Jahr in Gestalt zweier Menschen. Es ist eine logische Sache, dass das neue Jahr, der junge Mensch, gewinnen muss. Als Kind dachte ich mir oft: ´Was ist, wenn aber das alte Jahr stärker ist und das neue Jahr verliert? Die Antwort war immer: ´Das gibt es nicht! Nein, das gibt es wirklich nicht.` So wird es auch mit dem Kampf eines Tages sein. Im Weltgeschehen ist heute der Kampf zwischen dem Sozialismus und Imperialismus. Wir wissen heute schon und können mit derselben Bestimmtheit sagen, wie beim Kampf zwischen alten und neuen Jahr, dass nur der Sozialismus, das neue Leben, die neue Idee siegen kann! Wohl ist der Tag und die Stunde noch nicht vorgeschrieben, doch wenn der Imperialismus dem Kampfe nicht mehr Herr sein kann, dann ist die Stunde da. Mit diesem Wunsche, meine Lieben, dass diese Stunde bald kommen wird, will ich meinen heutigen Bericht beenden."

Aus dem Urteil

“Sie kam in der Folgezeit häufig mit ihm (Leo Gabler) zusammen und erfuhr von ihm, dass er a. d. ehemaligen Jugoslawien eingereist und die KPÖ in Wien neu aufzubauen beauftragt sei. In der Folgezeit war sie nun als Verbindungsperson zwischen diesem Gabler und anderen kommunistischen Funktionären oder Gesinnungsgenossen, z.B. (Friedrich) Hedrich und (Ernst) Rousek, den sie mit Gabler zusammenbrachte tätig und vermittelte mehrere Treffs und nahm auch an Besprechungen Gablers mit Gesinnungsgenossen über die politische Lage und die illegale Arbeit teil. Außer dieser wichtigen Funktion (…) befasste sie sich (…) vor allem mit der Herstellung und Verbreitung hochverräterischer, zur Versendung an Wehrmachtsangehörige bestimmte Briefe.”

Erinnerungen von Edith Gadawits aus der Todeszelle

"Allerseelen 1943: Fünf Wochen waren vergangen. Bei uns hatte sich manches verändert. Poldi Kovarik und Minnerl Zaynard waren nun auch hier. Anna nicht mehr. Nun waren wir drei Politische. Poldi kannte ich aus dem Gefängnis in der Schiffamtsgasse. Beide waren wir als Angehörige des Kommunistischen Jugendverbandes nicht zuletzt wegen derselben Feldpostbriefaktion verurteilt worden. Wir hatten Feldpostnummern gesammelt und den Soldaten an den Fronten Briefe geschrieben: Sie sollen doch endlich das sinnlose Morden beenden! [...] In den letzten Tagen hatte sich in unserer Umgebung etwas verändert, doch fehlte es uns an Erfahrung, um genau festzustellen, was es sein könnte. Als jedoch am Allerheiligentag die Oberaufseherin [...] uns die schon seit längerer Zeit erbetenen Lehrbücher brachte, machte uns dies wenig Freude. Wir hatten das bedrückende Gefühl, dass sie, von der wir wussten, das sie gläubig war, eine gute Tat vollbringen und damit ihr Gewissen beruhigen wollte. Obwohl wir es vermieden über diese Dinge zu sprechen, fand mein Stoßseufzer "wenn diese Woche nur gut vorübergeht" Zustimmung.
Was wir gefürchtet hatten, trat ein. Am nächsten Tag, es war der zweite November, also Allerseelen, wurde gegen 9 Uhr die Tür geöffnet. "Kovarik zum Anwalt." Äußerlich sehr ruhig - nur ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen - stand Poldi auf. "Grüßt mir meine Angehörigen." Wir umarmten uns. Die Aufseherin machte den Versuch, uns mit der Frage, was dies bedeuten solle, zu unterbrechen. Doch sofort wurde ihr klar, dass sie uns nichts vormachen könne, und andererseits auch keine Gefahr war, dass Poldi ihre Beherrschung verlieren könnte. Wie schwer das war, konnten wohl nur wir abschätzen. Die Stunden bis zum Abend der Hinrichtung mussten die Verurteilten in gesonderten Zellen verbringen, wo der Pfarrer Zutritt hatte, und sie noch Briefe [...] schreiben konnten. (die nunmehr bekannten letzten Briefe der Hingerichteten wurden meist bereits vor der erwarteten Hinrichtung aus dem Gefängnis geschmuggelt) Jetzt konnten wir für Poldi nur noch wünschen, dass es endlich Abend werde. Wir aber warteten gespannt, ob ein weiteres Mal sich Schritte unserer Tür näherten und noch eine von uns gerufen werde. Erst gegen Mittag ließ die grässliche Spannung nach.
Plötzlich kündigte eine Sirene einen damals für Wien noch sehr seltenen Fliegeralarm an. In großer Aufregung stürzten Aufseherinnen in die Zelle und fesselten unsere Hände. Wir wussten nicht, wie viel Leid diese Flugzeuge, die nun über uns flogen, noch vielen unschuldigen Menschen bringen würden. Damals schienen sie uns als ein Zeichen, dass das Ende des Krieges nahe sei. Wir hofften, dass auch Poldi so dachte und ihr dies ein Trost in ihrer letzten Stunde wäre."

(Auszug aus "Tagebuch", 11/1962, S 7)

Entfernte Gedenktafel

Ursprünglich befand sich an ihrem Wohnhaus in der Hardtmuthgasse 106 in Wien Favoriten eine Gedenktafel. Die Hausverwaltung entfernte diese im Jahre 1998 im Zuge von Renovierungsarbeiten. Hernach gab es am 12.3.1998 eine kleine Kundgebung, die von Mitgliedern der KPÖ Favoriten, des KZ-Verbands Favoriten und dem Grätzlpunkt Rosa Jochmann ausgerufen worden war. Im Rahmen der Veranstaltung wurde eine provisorische Gedenktafel angebracht. Bedauerlicherweise ist auch diese bald entfernt worden.

Das Foto zeigt eine Momentaufnahme der Ausschmückung der provisorischen Gedenktafel.

Gedenkort

Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts findet sich ihr Name auf einer der Gedenktafeln.

Die Gedenkstätte auf der Gruppe 40, Zentralfriedhof

Gruppe 40, Reihe 23, Nr. 193

Weblinks und Quellen

Wir erinnern uns

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